Nachdem ich feststellen musste, dass meine schicken neuen Treter mir ans Leder wollten, beschloss ich, meinem Unmut Luft zu machen. Getroffen hat es den wahrscheinlich gänzlich unschuldigen Herrn Topping. Ehrlicherweise muss ich hier auch anmerken, dass die Schuhe mittlerweile ihren Schrecken verloren. Dass ich es bereue den folgenden Brief versandt zu haben, wäre jedoch gelogen.
Lieber Herr Topping, liebes Avesu-Team, wir müssen reden,
natürlich könnte ich jetzt die sicherlich nett gemeinten Worte dieses Herrn Topping einfach in mich hinein spachteln, wie die Millionen anderen kleinen Krümel dampfender Scheiße, die der Alltag so für einen Otto-Normal-Schreibtischkrieger wie mich bereithält. Es gibt eine Millionen schlimmere Probleme. Jeder, der mir nach der Lektüre dieses Schreibens ein “Stell dich nicht so an” ins Gesicht werfen will, liegt sicherlich richtig.
Ich kann mich aber des Gefühls nicht erwehren, dass zu der Situation noch zwei Sätze gesagt werden müssen. Einige Worte zu Themen wie Empathie im Kundenservice, Menschlichkeit, kleine Gesten, die uns von Robotern unterscheiden. Ja, ich rede mit Ihnen, Herr Topping. Es geht hier um so etwas profanes wie den Kauf von Schuhen. Doch für mich steckt hinter dieser Geschichte mehr.
Rot waren sie, eigentlich ganz schick. Ich habe mich ehrlich gefreut beim Auspacken. Habe sie angezogen, haben gepasst. Die Freude hielt nicht lange. Neue Schuhe. Klar, die zwicken am Anfang, die muss man einlaufen, das habe ich mir gedacht. Besser als die Millionen Stylo-Treter an denen noch die Fingernägel der achtjährigen Asiaten hängen, die sie zusammengebaut haben. Das habe ich mir in der ersten Stunde auf der Straße gedacht. Im Lauf der darauffolgenden Stunde spannten sich meine Kiefermuskeln. “Das geht vorbei”, habe ich mir gedacht. Es war ein schöner Tag, ich war mit meiner Freundin unterwegs. Durchhalten, was kann schon passieren, habe ich mir gedacht. Wer wird schon wegen ein wenig Reibungshitze in den Galoschen die nächste Notaufnahme aufsuchen.
Nach der dritten Stunde gestand ich mir mein Weicheidasein ein. Der Schmerz war zu präsent, zu brillant. Es fühlte sich an, als würden kleine karnivore Insektoiden sich langsam zu meinen Fersen-Knochen vorbeißen. Ich zog meine neuen Schuhe aus – weiße Fahne, Handtuch im Ring. Ich spürte fast so etwas wie Erleichterung, als quasi die Hälfte meiner Fersen im Schuh hängenblieb. Wenigstens gaben zwei rot-schillernde, fleischige Flecken Zeugnis von meinem Leid.
Da stiefelte ich also auf Socken durch Stuttgart. Ich war mit mir im Reinen. Alles kein Drama, ich schicke die Dinger einfach zurück. Die guten Menschen von Avesu haben sicher Verständnis dafür, dass ich ausnahmsweise den Retourzettel benutze, bevor ihre Schuhe nach dem Fersen-Massaker auf die Idee kommen, meine ganze Familie abzuschlachten. Das war wie Herr Topping weiß, eine hart zerfickte Fehleinschätzung. Denn Herr Topping hat Vorschriften, die befolgt werden müssen. Unschuldig fragte er nach dem Grund für meine Retoure. In der Einfalt und Gutgläubigkeit eines Menschen vom Land, der ich nunmal bin, legte ich ihm die Hintergründe für meine Rücksendung dar. Was folgte hat sich ein wenig so angefühlt, wie die Szene in einem Politthriller, wenn das Opfer sich in Sicherheit wiegt, auf die Menschlichkeit der Welt vertraut und am anderen Ende der Pranger wartet.
Das war, wie Herr Topping weiß, eine hart zerfickte Fehleinschätzung.
Wenn es nämlich nach Herrn Topping ginge, wäre folgendes Vorgehen das einzig Richtige gewesen, um in den warmen Genuss der Rückerstattung meiner knapp 70 Euro zu kommen: Ganze 100 Tage darf man die Schuhe tragen, hat Herr Topping mir mitgeteilt. Alles kein Problem, er würde sie in seiner unfasslichen Gnade immer noch zurücknehmen, allerdings nur, – aufpassen wichtig – wenn die Treter nicht den Asphalt der Öffentlichkeit küssen. Heißt – Benjamin du dummer Junge – du hättest mit deinen neuen Schuhen etwa 4530 Mal um deinen Wohnzimmertisch joggen müssen. Dann hättest du ganz regelkonform festgestellt, dass im Vergleich zu diesen roten Folterinstrumenten die glühenden Schuhe, in denen Aschenputtels Stiefmutter ihre Disco-Fox-Kunst beweisen musste, sich wahrscheinlich ganz bequem getragen hätten. Ich hätte laut Herrn Topping etwa 3,4 Kilometer in den wohligen 40 Quadratmetern meiner Wohnung zurücklegen sollen, um dann in meinen vier Wänden den Moment der Erleuchtung zu genießen: “Heureka, MEINE SCHEISS FERSEN FALLEN AB!”
Lieber Herr Topping, liebes Avesu-Team, nein ich habe in diesem Fall kein Verständnis dafür, “dass wir getragene Schuhe nicht zurücknehmen können”. Ich weiß sehr wohl, dass ihr AGB-mäßig hier alles richtig macht. Was mich stört ist das Fehlen der Empathie, die über leere Mitleidsbekundungen hinausgeht. Was mich stört sind Sätze wie “Aus Kulanz werden wir die Kosten für den klimafreundlichen Versand für Sie übernehmen.” Lieben herzlichen Dank, Herr Topping, dass ich nicht noch dafür blechen darf, damit die Stiefel des Todes mich schon sehr bald wieder Zuhause heimsuchen. Mit einem Lächeln werde ich sie dem Boten aus den Händen nehmen, ich werde sie anziehen und mit ihnen 4530 Mal um meinen Wohnzimmertisch joggen. Auch wenn meine Freundin wahrscheinlich sauer wird, weil die Blutspur den Teppich versaut, ich werde nicht aufhören zu gehen. Danach ziehe ich nach Hamburg vor eure Avesu-Filiale. Ich stecke die beiden blutigen Klumpen Game-of-Thrones-mäßig auf zwei Pfähle. Daran hänge ich eine kleine Notiz: “Lieber Herr Topping, bitte schieben Sie sich ihre Kulanz an einen Ort, auf den nur selten Licht fällt”.
Mit freundlichen Grüßen
Benjamin Breitmaier
